Papa ließ vor lauter Schreck die immer noch ohnmächtige Elfi fallen, die davon tatsächlich aufwachte und sich ungläubig umsah. Natürlich fing sie gleich wieder an, sich zu beschweren.
„Wo bin ich? Was soll das denn werden, wenn´s fertig ist? Asterix als Gladiator?“
Jetzt fiel mir ebenfalls ein, woran mich die Szenerie von Anfang an erinnert hatte. Wir waren in einem verdammten Circus Maximus gelandet! Dazu passten auch die vielen, schlecht abgenagten Menschenknochen, die, von fetten Schmeißfliegen belagert, überall herumlagen.
Wenn das hier aber eine Art römischer Circus war, dann müsste auch irgendwo die Empore mit der Loge des Kaisers sein. Ich sah mich schnell um.
Richtig! Da vorne! Gut geraten!
Nur, dass da oben statt eines Kaisers die Mutter und Hartmut thronten! In glänzenden, bunten Gewändern, statt in Asbestanzügen! Einen Fundus an abgefahrenen Klamotten hatten die! Da kam selbst meine Mama nicht mehr mit!
Die Mutter erhob sich gerade aus ihren Seidenkissen und gebot mit einer einfachen Handbewegung der Menge, zu schweigen.
Dann sprach sie in ein Mikrophon, das ihr Hartmut so würdevoll reichte, als sei es ein Zepter.
„Liebe Freunde! Es ist soweit!“
Das Publikum raunte erwartungsvoll.
„Der Höhepunkt! Der Klimax! Das Finale unserer Show ist gekommen! Begrüßt alle die vier Idioten aus der Stadt, die uns gleich mit einer Vorstellung der Sonderklasse amüsieren werden!“
Freudenschreie. Einzelne Stimmen riefen tatsächlich „Hallo, ihr Idioten!“
Die Mutter beruhigte die Menge und fuhr fort.
„Ich verrate nicht zuviel, wenn ich euch verspreche: Diese Vier sind absolute Sonderklasse! Besonders der große, gut rasierte Kerl!“
Die Menge applaudierte begeistert und ich trat Papa heftig gegen das Schienbein, weil er doch tatsächlich lächelnd ins Publikum winkte.
„Und weil die Vier so gut sind, tritt heute für euch auch der Beste, der Einzigartige, der Allerfeinste gegen sie an!... Damen und Herren, ein ganz herzliches Hallo für…“(Kunstpause) „Winniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!“
Jetzt tobte der Circus.
Während wir uns noch fragten, wer dieser oder diese Winni sei, nahte schon postwendend die Antwort. Auf der anderen Seite der Arena hob sich rasselnd ein Gittertor und ein gigantisches Motorrad donnerte aus dem dunklen Schlund, der sich dahinter aufgetan hatte. Auf der dröhnenden, Feuer speienden Maschine hockte kein Geringerer als der gute, alte mutierte Winfried. Helle Staubfahnen stiegen auf.
„Habt ihr mich hierher geschleppt?“, nölte Elfi. „Ihr seid echt unmöglich, wisst ihr das?“
Aber für ermüdende Diskussionen war jetzt zum Glück keine Zeit. Wir rannten alle wie die Hühner auseinander, um Winni auszuweichen, der tatsächlich versuchte, uns zu überfahren.
„Winn-ni! Winn-Ni!“, skandierte die Menge und machte die „Ola“.
Die Jagd ging schon eine ganze Weile. Wir hatten mittlerweile gelernt, ohne viel Mühe dem Monster auszuweichen. Auf den Rängen war viel Bewegung. Leute gingen aufs Klo oder winkten den Popkornverkäufern. Es schien mir fast ein wenig kulturlos, wie beiläufig sie den Geschehnissen in der Arena folgten. Wir kämpften hier schließlich um unser Leben, und diese Leute hatten nur Augen für den Hot-Dog-Verkäufer! An so einer Kulturlosigkeit ist sicher auch das römische Reich zugrunde gegangen!
Wir konnten ja nicht wissen, dass das Bisherige nur eine Art Vorspiel gewesen war, das die Leute jetzt zurecht ein wenig langweilte. Sie warteten auf etwas, das wir erst noch ergründen mussten.
Auf einmal bebte die ganze Arena. Staub wirbelte in schmierigen Wolken hoch. Der Boden tat sich auf und eine hydraulische Plattform beförderte zitternd einen eisernen Käfig ans Licht.
Sofort war die Menge wieder wie elektrisiert.
„Oh nein!“, murmelte Papa, „Ich hasse Montage!“
Das Flutlicht verlosch. Vier starke Strahler erhellten stattdessen den Käfig.
Ein kollektives Atemholen ging durch die Menge. Alles Geschrei und Gerede verstummte. Stille senkte sich über uns. Nur irgendwo da draußen, für uns unsichtbar, verschluckt von Dunkelheit und Staubschwaden, knatterte Winnis Höllenmaschine im Leerlauf leise und bedrohlich vor sich hin.
Alle Aufmerksamkeit ruhte auf dem Käfig, dessen Inneres immer noch nicht zu erkennen war. Irgend etwas Großes schien sich darin unruhig hin und her zu bewegen.
Ein weiterer Strahler flammte auf und überflutete die Loge der Mutter mit blendendem Licht. Ihr glitzerndes Gewand war in dem gleißenden Licht fast schneeweiß. Auch Ihr Gesicht hatte keinerlei Farbe. Feierlich hob sie die Arme und sprach.
„Liebe Freundinnen und Freunde! Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Es ist soweit!“
Langsam begann der Käfig zu schweben. Das heißt, der Käfigboden blieb dort, wo er war. Nur die Gitter wurden hoch gehoben. Wahrscheinlich zog man sie mit Haken in die Kuppel hoch. Gleich wäre, was immer darin gewesen war, frei.
„Jetzt ist der Moment gekommen, auf den alle gewartet haben!“
Uh, dachte ich, das wird wieder was sein! Egal, wie das hier ausgeht, eins steht fest: Auf ein Pferd bringen mich keine 10… äh, Pferde mehr! (Wo kommt diese blöde Redensart mit den 10 Pferden eigentlich her? Auf eigene Faust nachforschen, denn unserem Deutschlehrer ist nicht zu trauen!)
Die Stimme der Mutter wurde dröhnend laut und überschlug sich fast vor Begeisterung.
„Meine Damen und Herren! Die REITSTUNDE…!!!“
Ich war einigermaßen verwirrt.
Die Gitter waren jetzt schon einige Meter hoch entschwebt und hatten ein gesatteltes Pferd in die Arena entlassen, das gemütlich auf mich zu trottete.
Die Masse verlor endgültig jegliche zivilisierte Zurückhaltung. Noch nie hatte ich solch einen Begeisterungssturm erlebt. Rhythmische Sprechchöre brandeten auf.
„Reit-Stunde! Reit-Stunde! Reit-Stunde!“
Auf einmal stand Winni neben mir und half mir in den Steigbügel, was ich einigermaßen befremdlich fand.
„Darf ich der jungen Dame behilflich sein?“, fragte er freundlich und seltsamerweise wieder mit seiner vertrauten Stimme. Aber ich hatte keine Zeit, mir jetzt über winzige Details den Kopf zu zerbrechen, den ich mir vielleicht sowieso gleich per Reitunfall zertrümmern würde.
Unsicher wankte ich auf dem Gaul hin und her.
Was wusste ich denn schon von Pferden? – Ich will es mal so ausdrücken: Meine Kenntnisse beschränkten sich auf eine schwarz-weiße Folge von „Black Beauty“, die ich leider auch nur zur Hälfte gesehen hatte. Und in dieser Hälfte war Black Beauty dummerweise gerade verreist gewesen. Oder, anders ausgedrückt: Ich wusste weder, wie man so ein Ding steuert, noch wo die Milch raus kommt. Nicht gerade das, was man gute Voraussetzungen für meine Premiere als Schaureiterin.
Ich sah mich nach Papa, Elfi und Julia Zwo um. Was war denn überhaupt mit denen geschehen?
Bog sei Dank!, dachte ich, sie sind alle wohlauf. Vielleicht sogar ein wenig zu sehr wohlauf. Plötzlich wurde ich mißtrauisch. Wieso hockten alle drei entspannt in riesigen Drehsesseln und schlüften bunte Drinks durch total abgespacte Trinkröhrchen? Ich hätte schwören können, dass Papa gerade Hartmut ein Autogramm gab. Ein Verdacht keimte in im auf.
Ich würde mich nicht wundern, wenn jetzt auch noch irgendwo das RTL 2-Logo erschien!
Dann wurde ein riesengroßes RTL 2 -Logo an die Decke der Kuppel projiziert und die Kamera fuhr ganz nah an die Mutter ran.
„Wir machen jetzt ganz, ganz kurz etwas Werbung und sind gleich zurück. Dann sind sie live dabei, wie unsere Kandidatin uns ihre Eindrücke schildert!“
Oh nein. Das hatte ich befürchtet. Ich war im Fernsehen!
Abblende. Eingespielter Jingle.
Sieben Minuten Clips vom Band, dann noch ein paar Trailer für die nachfolgenden Spielfilme. Maximal zehn Minuten Auszeit.
Ich entschloß mich spontan, solange in Ohnmacht zu fallen.
(…)
Ich erwachte pünktlich, als die Mutter gerade wieder in die Kamera grinste und sagte, man sei wieder zurück (zurück von woher?) und man werde die bezaubernde Kandidatin jetzt erst einmal nach ihren Eindrücken fragen.
„Aber…“, stammelte ich, „Papas Auto ist doch jetzt totaler Schrott! Das hat der doch nie und nimmer freiwillig gemacht!“
Papa lachte kumpelhaft und winkte wieder in die Kamera.
„Doch! Das war alles abgesprochen!“, sagte er, überlegen lächelnd, „Draußen vor dem Studio steht längst ein brandneuer Ersatzwagen! Gleiches Modell, aber in Silbermetallic!“
„Ja“, grinste die Mutter, „und mit 30 PS mehr! Damit die Karre nächstes Mal nicht wieder absäuft, wenn mal ein winziges Scheunentörchen dran hängt!“
Das Publikum lachte entspannt, vereinzelnes Klatschen und Johlen. Papa grinste verlegen. Wo Mama immer dagegen ist, ein stärkeres Auto anzuschaffen! Da musste noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden!
„Aber…“, stotterte ich, jetzt völlig verwirrt, „Die Reitpeitsche! Elfi hat ihnen doch eine Reitpeitsche bis ins Gehirn hoch gerammt! Das hätte Sie doch umbringen können! War das auch abgesprochen?“
„Du meinst, diese Aktion hier?“, lächelte die Mutter und winkte Hartmut zu sich. Der kam eifrig angedackelt, wedelte eine Reitpeitsche in die Kamera.
Dafür gab´s Szenenapplaus.
Dann rammte Hartmut ohne Vorwarnung den Schaft seiner Mutter mir voller Kraft bestimmt 20 Zentimeter das Nasenloch hoch.
Die Zuschauer stöhnten auf.
Die Mutter torkelte im Kreis und röchelte, als ginge sie gleich K.O.
Dann fing sie sich wieder, lachte laut und grinste mir, die Arme zum Triumph ausgebreitet, direkt ins Gesicht.
„Voila! Applaus für Hartmut! Verehrtes Publikum: Mein Sohn!“
25.7.2007