Die Menge klatschte tosend und geriet in regenrechte Raserei, als die Mutter dann auch noch, die Reitpeitsche immer noch in der Nase, ein paar makellose Saltos aus dem Stand schlug.
Die Kapelle spielte eine Serie von Tuschen (Tusche? Tuschs? – Deutschlehrerin fragen!) und die Mutter warf Kussmünder in alle Richtungen.
Dann, als sich die Leute wieder eingekriegt hatten, nahm sie mich lächelnd beiseite und tätschelte mir die Schulter.
„Herzchen! Das ist doch nur ein billiges Theaterrequisit!“, lachte sie und zog sich die Peitsche mit einem brutalen Ruck aus der Nase. Das Geräusch, das dabei entstand, war so grässlich, dass es mir fast die Gummistiefel auszog. Die Menge stöhnte laut auf.
Doch die Mutter war vollkommen intakt und haute ein paar Mal mit der flachen Hand auf den Peitschenknauf.
War das eine Überraschung! Der Knauf ließ sich wie ein Teleskop zusammen schieben! Und das grässliche Geräusch kam ganz einfach aus einem eingebauten Minilautsprecher!
Befreites Lachen der Zuschauer.
„Hast du dich nie gefragt, wie Schauspieler das auf der Bühne machen, wenn sie Reitpeitschen in die Nasen kriegen?“
Ich wurde knallrot. Wie peinlich, dass ich so wenig vom Theater verstand! Ich kannte nicht mal ein Stück, in dem Reitpeitschen eine Rolle spielten! Daran waren natürlich ausschließlich unsere Lehrer schuld! Die wirklich nützlichen Dinge vermitteln sie einem nicht in der Schule! Kein Wunder, dass wir im internationalen Vergleich noch hinter Kasachstan liegen. Oder hinter Karelien. (Hab ich irgendwo schon mal erwähnt, dass ich nie gelernt habe, diese Länder zu unterscheiden? Verdammter Erdkunde-Pauker!)
Dann klärte die Mutter mich über alles auf.
Die Lösung war relativ simpel. Alles war von Anfang an ein abgekartetes Spiel gewesen. Sogar der Dialog auf dem Klo, den ich heimlich belauscht hatte, war inszeniert, um mich in die passende Stimmung zu versetzen. Elfi hatte mir extra in der großen Pause eine extra große Cola spendiert, damit ich auch wirklich Pipi machen musste. Sie und Julia Zwo hatten dann vor jeder weiteren Stunde im Klo auf mich gewartet. Wäre ich vor der letzten Stunde nicht aufgetaucht, hätte mich Anke dort hin lotsen sollen. Bei uns Mädchen klappt das ja immer, weil wir aus allgemein bekannten Gründen sowieso meistens zu zweit aufs Klo gehen. Ich muss wohl nicht noch mal erklären, wieso.
Winfrieds unheimliche Bude? Die war von drei international bekannten Film-Designern entworfen worden. Sein bebildertes „Arbeitsbuch“ stammte übrigens von einem auf Pornos spezialisierten finnischen Comiczeichner, der dafür 20.000 Eier gekriegt hatte, die aber längst wieder mit dicker Gewinnspanne drin waren, weil man die Seiten einzeln im Internet an japanische Graphik-Liebhaber versteigerte.
Die Autoverfolgungsjagd? War einfach perfekt choreographiert! Wenn Fernsehleute etwas können, dann sind es ja auch Autoverfolgungsjagden! (Darin besteht ja auch der Hauptunterschied zwischen Lesen und Glotzen: Im Buch heißts immer Denk-Denk! Im Fernsehen Wromm-Wromm! Das alte Action-Ding, logo! Da kann man nichts dran vertauschen. Wer´s nicht glaugen will: Mach mal im Buch Wromm-Wromm, dann siehst du, was ich meine!) Wie gesagt, alles war inszeniert. Sogar der Kanaldeckel, an dem die Karre schließlich verreckt war, war von Trickspezialisten entworfen worden.
Und das Monster? Eine einfache 3-D-Projektion, verbunden mit perfekt getimeten Pyrotechnischen Gimmicks! Sowas bastelt einem heute jedes halbwegs begabte Schulkind!
Die krebserregenden Asbestanzüge? Pipikram! Die waren innen mit Spezial-Teflon beschichtet und dadurch hautverträglich und gesundheitsbewusst.
Die halsbrecherische Seilbahnpartie? Von wegen halsbrecherisch! War nur der Prototyp einer neuen Attraktion, die nächste Woche in Legoland, Disneyland, Asterixland, Käpt´n Blaubär-Land und was weiß ich wo sonst noch eingeweiht werden sollte.
Der Schwimmbagger stammte aus derselben Ecke. Sollte die neue Attraktion im Freizeitpark von Bad Wimpfen werden.
Und der Sturz ohne Fallschirm war ebenfalls völlig ungefährlich gewesen, weil uns unten riesige, perfekt versteckte Gebläse sanft mit einem gigantischen, getarnten Luftkissen aufgefangen hätten. Tja, das Privatfernsehen kann sich eben einfach alles leisten, da ist nicht dran zu rütteln.
Ich brauchte einige Sekunden, um meine jugendlich unbefangene Natürlichkeit wieder zu erlangen.
„Aber, …dieser ganze Aufwand!“, stammelte ich, „Alles nur, um mich hier vor laufender Kamera auf´s Pferd zu setzten?“
„Na ja, sieh es mal von dieser Warte, Schätzchen: Wir wollten nicht wieder ins Quotenloch fallen, wie bei der ersten Staffel von DIE SCHLIMMSTEN REITUNFÄLLE“, sagte die Mutter.
„Damals sind Sie gegen DIE FETTESTEN BLÖDÄRSCHE ganz schön abgestunken, hehe!“, grinste ich und nickte. „Die waren aber auch erste Sahne! Haben Sie zufällig die Folge gesehen, wo der eine Fettsack mit dem Kran aus dem siebten Stock…“
„Kein Grund, auch noch nachzutreten, wenn der andere schon am Boden liegt!“, raunzte die Mutter und verdrückte tatsächlich eine Träne! Ich glaube, ihr Herz hing ganz schön an den SCHLIMMSTEN REITUNFÄLLEN, sonst hätte sie nicht so emotional reagiert. Ich beschloß, das Thema nicht weiter anzusprechen.
„Es ist mir eigentlich ziemlich unangenehm, in Ihrer Sendung ungefragt der ganzen TV-Nation vorgeführt zu werden!“, sagte ich selbstbewusst.
„Der ganzen TV-Nation?“, fragte die Mutter und lachte verächtlich, „schön wärs! Wenn die wirklich alle diesen Kanal glotzen würden, sähe mein Gehalt anders aus!“
Leider konnte sie nicht näher auf diesen interessanten Punkt eingehen, denn die Regie schob schon wieder einen Werbeblock ein.
Während wir so rum standen und warteten, dass wir wieder auf Sendung seinen, stieg in mir ein einziges Bedürfnis auf, das alle anderen Gedanken verdrängte.
„Ich will hier raus! Sagen Sie mir, wie ich hier raus komme! Ich will nach Hause!“, flehte ich die Mutter an, die gleichzeitig zwei Zigaretten in sich rein sog.
„Aber Herzchen“, grinste sie gequält, „du konntest jederzeit gehen!“
Ich sah sie ungläubig an.
„Wie? Wie?“, brüllte ich, „was muss ich tun, um hier fort zu kommen?“
„Ganz einfach!“, schaltete sich Winfried ein, „Du konntest die ganze Zeit schon von hier fort gehen! Wann immer du willst! Du brauchst nur deine Gummistiefel zusammen zu schlagen und schon gehst du auf die Reise! Übrigens, kauf dir ordentliche Lederstiefel! Und das richtige Lederfett! Du glaubst nicht, wie wichtig das richtige fett ist! Wenn du nähere Beratung brauchst, kann ich dir gerne behilf-„
Ich hatte wütend die Absätze zusammen geschlagen. Dass ich nicht selbst auf diesen billigen Trick gekommen war! Dabei habe ich den „Zauberer von Oz“ bestimmt dreimal gesehen!
Sofort begann sich alles um mich zu drehen. Ich fiel in einen schwarzen Strudel. Kreiste immer schneller. Alles um mich herum wurde unerbittlich mit hinein gerissen. Das ganze Teledrom verschwand in einem blendenden Farbenfeuerwerk. Ich schloss die Augen.
Ich öffnete die Augen wieder. Erst verschwommen, dann immer deutlicher sah ich Elfi und Julia Zwo. Sie starrten mich mit besorgten Gesichtern an.
„Ich glaube, sie kommt zu sich!“, sagte Elfi und Julia zwickte mich in die Wade.
„Aua!“, stöhnte ich schwach. Diese Stelle war die einzige an meinem ganzen Körper gewesen, die noch nicht geschmerzt hatte.
„Sie kann ihre Beine noch fühlen. Kannst die Typen von LTR 2 nach hause schicken!“, sagte Julia Zwo beiläufig zu Elfi und ich konnte aus den Augenwinkeln erkennen, wie ein Pulk Leute mit Scheinwerfern und geschulterten Digitalkameras mit hängenden Köpfen abzogen. Dabei murmelten sie, dass das hier ein Scheißjob sei und dass sie es sich nie verzeihen würden, nicht studiert zu haben. Und dass man das nächste Mal wohl selber nachhelfen müsse, dass der Unfall so richtig tragisch ausgehe.
„Was… was ist passiert?“, fragte ich.
„Nichts. Ein Pferd hat dich getreten, als du seine Box ausgemistet hast“, sagte Elfi und strich mir sanft über die Stirn, „so was passiert schon mal. Du bist aber völlig okay. Nicht mal querschnittgelähmt. Hihi! Du solltest die Typen vom TV sehen! Wenn die nächstes Mal zu einem Reitunfall gerufen werden, werden sie dem armen Mädchen eigenhändig das Rückgrat brechen, um ´ne echte Story zu kriegen. Ich glaube, die nächsten Folgen sollten wir auf gar keinen Fall verpassen!“
„Die nächsten Folgen??? Ich dachte, DIE SCHLIMMSTEN REITUNFÄLLE sind aus dem Programm genommen worden?“, stammelte ich verunsichert.
„Keine Spur!“, lachte Julia Zwo, „die Wiederholungen im Vorabendprogramm haben sagenhafte Einschaltquoten! Ist ein Langsamkommer, in der Fachsprache. Wie Star Trek damals, das hatte zuerst auch miese Zahlen. Der Sender hat sofort umgeschwenkt und produziert wie verrückt! Die schicken ganze Schulklassen kostenlos in die Reiterferien nach Rumänien, wo die Pferde wild und die Krankenhäuser schlecht ausgestattet sind! Du solltest sehen, wie die Mädels dort reihenweise unter die Hufe kommen! Das ist Krieg, Baby, echt!“
Ich versuchte, mich aufzurichten. Autsch! Tat das weh!
„Aber…“, stammelte ich, „ich hatte einen irren Traum! Ihr ward dabei. Und Papa. Und Winfried und Hartmut! Und die Mutter!“
In der Ecke sah ich plötzlich die Drei. Sie sahen mich freundlich an.
„Woher weiß sie unsere Namen?“, fragte Winfried und kratzte sich am Kopf. „Sie hat uns doch noch nie gesehen!“
„Ein einfaches, naturwissenschaftlich erklärbares Phänomen!“, sagte die Mutter. „Durch den Tritt an den Schädel wird eine sub-bewusste Region der Hirnrinde aktiviert, die dafür sorgt, dass während der Ohnmacht Informationen aus der Außenwelt gesammelt werden. Bei hundertfacher Sensibilität der Sinnesorgane! Es ist allgemein bekannt, dass vom Pferd getretene Mädchen oft erstaunlich hellsichtige Visionen haben.“
„Na ja…“, murmelte Winfried, „davon hab ich natürlich schon gehört.“
So richtig überzeugend klang das aber nicht. Das merkte wohl auch die Mutter, denn sie sah Winfried streng an und murmelte „Es wäre für dich sicher nicht von Nachteil, wenn du mal wieder ein Fachbuch über Gehirnphysiologie zur Hand nehmen würdest, anstatt immer nur LTR 2 zu gucken.“
„Aber ich seh doch hauptsächlich ROH 7“, jammerte Winfried, der nicht recht kapierte, warum er jetzt die Zielscheibe abgab.
Aber ich verstand langsam.
Langsam, aber glasklar.
„Wie spät ist es?“, fragte ich.
„Neun Minuten vor Fünf. Wieso?“, sagte Elfi.
„Okay. Uns bleiben noch vier Minuten, bis Papa hier aufkreuzt.“ Ich versuchte, mich aufzurappeln. Ging aber nicht.
„Helft mir auf und bringt mich in den Hof. Ich will nicht, dass Papa mitkriegt, was hier gelaufen ist.“
Fest zwischen meinen Freundinnen eingeklemmt stand ich mit wackligen Knien im Hof, als Papa durch das Tor bog.
Komisch! Papa fuhr dasselbe Modell wie sonst auch, aber in Metallic-Ausführung! Später musste er zugeben, sich die Karre ohne Mamas Einwilligung gekauft zu haben. Mit 30 PS mehr! Er wollte es Mama nach ihrer Lieblingssendung „Ludwigsburg, Ludwigsburg“ sagen, wenn sie erwartungsgemäß so gut gelaunt war, auch die schlimmsten Vergehen lächelnd zu vergeben. Ich kriegte fast ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm seinen Plan gründlich versauen würde. Aber wie sagt der Dichter? –Ich will nicht vorgreifen!
Papa sah mich sorgenvoll an, als er die Tür aufstieß.
„Alles noch dran?“, fragte er nervös, „ich habe die Wagen von LTR 2 gesehen!“
„Bring uns hier raus!“, raunzte ich und ließ mich von Elfi unauffällig auf den ekelhaft nach Neuwagen stinkenden Rücksitz schieben. „Hier gibt´s nichts mehr zu sehen!“
Zu sehen gab es allerdings auf dem Rückweg so einiges.
Die drei Kleinbusse von LTR 2 hatten einen Unfall gebaut! Ineinander verkeilt lagen sie auf einem Acker. Darum herum wuselten Rettungssanitäter und Leute mit dicken Kameras, die den Verletzten in unbeobachteten Augenblicken noch ein paar Tritte gaben, damit sie noch erbärmlicher aussahen.
„Hey, ist das nicht das Aufnahmeteam von ROH 7?“, rief Papa begeistert, „ihr wisst schon - DIE BESTEN KLEINBUSUNFÄLLE ALLER ZEITEN!“
„Stimmt teilweise“, sagte Julia Zwo, „nur, dass die von BABEL 1 sind und nicht von ROH 7!“
„Stimmt!“, lachte Papa, „BABEL 1! Richtig! Die beiden Sender bring ich immer durcheinander.“
Es folgte ein angeregtes Gespräch über diverse Reality-Formate, das mich aber nicht weiter interessierte. Stattdessen setzte ich mich noch einmal bis zur Stadtgrenze in meine Traumwelt ab, wo ich den dritten Weltkrieg anzettelte, der diesmal ausschließlich gegen irgendwelche Medien-Konzerne geführt wurde und fühlte mich gut.
Zuhause habe ich dann ohne Vorankündigung die Glotze aus dem Wohnzimmer auf den Balkon geschleppt und in den Innenhof runter geworfen.
Aus dem dritten Stock eines Mietshauses.
Eines Mietshauses ohne Aufzug.
Dort, wo sonst all die querschnittsgelähmten Mädchen, die vom Pferd gefallen sich, vor sich hin vegetieren.
Als Papa die Bescherung sah, kriegte er einen Heulkrampf, weil gleich Indiana Jones auf Schweiz 13 gekommen wäre. Aber die Masche zog bei mir nicht mehr.
Die Tage der Diktatur waren vorüber. Pech für Papa, dass er gerade erst ein günstiges, unkündbares Fünf-Jahres-Abo einer Programmzeitschrift abgeschlossen hatte. Cool schritt ich zum lange nicht mehr beachteten Bücherregal, zog eins dieser geilen Bücher von David Sedaris heraus (okay, Schleichwerbung! Mir doch egal!) und warf es Papa vor die Füße.
„Lies das! Bringt dich auf andere Gedanken! Ist fast so gut, wie mein Tagebuch!“
Er schluchzte herzzerreißend. Durch den Tränenschleier konnte er nicht einmal den Titel erkennen, aber sein Elend war seine eigene Angelegenheit. Nachher musste er Mama sowieso noch erklären, wie er an die Sprit fressende Metallic-Karre gekommen war.
Die Aussicht auf eine spannende Live-Diskussion bereitete mir Freude. Vielleicht stärkte die kommende, fernsehlose Zeit unser Familienleben? Man würde wieder mehr miteinander reden.
Ich sah aus dem Fenster und sah, wie Mama eben unten um die Ecke bog und an Papas Wagen vorbei schlenderte. Dann entdeckte sie das Fehlfarben-Marsupilami am Innenspiegel, das Papa mal von einem Comic-Salon mitgebracht hatte. Als Mama damals erfuhr, dass es 200 Eier gekostet hatte, musste Papa zwei Wochen lang wie ein katholischer Priester leben. Und ich rede nicht von diesen schwarzen Schafen, die kleinen Jungs an die Wäsche gehen.
Jetzt hatte sie auch Papas Schaffell auf dem Fahrersitz entdeckt. Kein Zweifel war mehr möglich- sie hatte geschaltet.
Genüsslich dehnte sich die Zeit.
In der Küche hörte ich Papa eine Flasche Bier öffnen. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Mama hatte es nämlich überhaupt nicht gern, wenn er sich schon vor dem Abendessen eins rein zog.
Erneuter Kontrollblick zur Straße runter. Mama war jetzt im Haus verschwunden.
Ich zog die Gardine wieder vor. Die Zeit dehnte sich noch mehr.
Jetzt musste Mama in den Briefkasten gesehen haben. Manchmal werfen private Austräger auch mittags noch Post ein.
Papa schlurfte, das Bier in der Hand, durch den Flur. In seinen alten Birkenstock-Sandalen! Die, mit den angekauten Korksohlen! Mama fand, dass er in Birkies aussah, wie ein drogensüchtiger Sozialarbeiter. Und drogensüchtige Sozialarbeiter waren definitiv nicht ihre heimliche Leidenschaft. Das sah ja fast so aus, als wolle Papa das Schicksal herausfordern!
Im Treppenhaus knackte die kaputte Stufe im ersten Obergeschoss. Jetzt hörte ich auch Mamas Schritte. Schön, wenn man in einem lausig isolierten Altbau wohnt! Das steigert die Vorfreude!
Ich schob das Fernsehsofa, das jetzt wieder ein einfaches Sofa war, in eine günstige Position, legte die Schweißfüße, die ich mir innerhalb weniger Stunden in diesen verdammten Gummistiefeln geholt hatte, hoch und riß eine Tüte Chips auf.
Poltern in Papas Arbeitszimmer. Dann ein Klirren. Rollendes Geräusch wie von einer Flasche, die sich selbständig gemacht hat. Dann fluchte Papa. Nicht besonders engagiert. Nur so die üblichen Standardflüche. Dann lief er erneut vorbei. In Unterhosen! Juhu! Er musste gestolpert sein und hatte sich sein Bier über die Bundfaltenhose gekübelt. Jetzt holte er Nachschub.
Ich meine, Biernachschub. Nicht Hosennachschub. Es sah ganz so aus, als wolle er es fürs erste bei der Unterhose belassen. Ich konnte mein Glück gar nicht fassen. Mama hasste es abgrundtief, wenn er so „verprollt“, wie sie es ausdrückt, in der Wohnung herum lief.
Mama musste jetzt die 2. Etage erreicht haben. Keine Stimmen im Treppenhaus. Sehr gut! Also hatte sie auch nicht die alte Frau Bretländer abgefangen, die sie immer abpasste, um sie dann mit Tratsch über das holländische Königshaus voll zu labern. Jetzt konnte Mama nichts mehr aufhalten.
Papa erschien schon wieder im Flur. Er hatte keine Ersatzhose an, sondern sich den geblümten Sarong um die Hüften gewickelt, den er sich mal aus Sri Lanka mitgebracht hat. Mama war damals von diesem Modegag nicht amüsiert gewesen und fing zur Strafe eine Affäre mit dem fetten Computerfritzen in ihrer Firma an. Und Papa hasst Computer fast noch mehr, als Mama dieses Wickeldings!
Vor meinem inneren Auge sah ich, wie Mama die letzte Biegung nimmt und auf die Zielgerade einschwenkt. Nur noch neun Stufen! Acht! …Sechs! …Drei!...
Jetzt öffnete sich Papa erneut ein Bier. Der zuvor verschüttete Gerstensaft begann schon, zu verdunsten und breitete sich deutlich vernehmbar in der Wohnung aus.
Ich schob mir noch ein Kissen in den Nacken, um die absolut bequemste Haltung zu erreichen.
Papa kratzte sich am Hintern, weil er den Rock zu eng geknotet hatte. Half aber nichts. Also noch mal mit Nachdruck. Sah das peinlich aus!
Dann hörte ich, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte.
26.7.2007